• Karolina Kulik

Heute mache ich blau...

Das blaue Wunder von Rüsselsheim


Dieser Neubau in Rüsselsheim erstrahlt in schönen Blautönen. Doch das war nicht von Anfang an so geplant. Als ich dieses Haus entwarf, stellte ich weiße Fassaden dar, die Fensterbänder waren in beige abgesetzt. Die Bauherren lachten dann und meinten: "Eigentlich stellen wir uns etwas ganz anderes vor. Das Haus soll schwedenrot werden." Darauf erwiderte ich "Schwedenrot? Ach du meine Güte, das habe ich noch nie gemacht! Sind Sie sicher, dass Sie sich nicht schnell an einer so dominanten Farbe satt sehen?". Ich hoffe, ich habe die Bauherren nicht zu sehr verunsichert, denn im nächsten Termin meinten sie zu mir: "Frau Kulik, wir haben uns entschieden, unser Haus soll blau werden! " Daraufhin meinte ich " Blau? Ach du meine Güte, das habe ich noch nie gemacht! Sind Sie sicher, dass..." Sie sehen nun selbst, es ist tatsächlich blau geworden und macht sich damit ziemlich gut, wie ich finde. Schön, dass ich mich das endlich mit einem kleinen Schubs meiner Bauherren getraut habe.


Blau ist eine Fassadenfarbe, die man nicht oft sieht. Es ist gar nicht so einfach, einen Farbton zu wählen, der sich gut macht. Aber warum? Und vor allem: wie gelingt es trotzdem?


In einem Farbfächer finden sich ungefähr 10.000 Farben wieder. Zu jedem Farbton gibt es mehrere Abstufungen. Je nach Farbzusammensetzung wird die Ausgangsfarbe im Farbfächer immer satter. Eine Farbe kann Rotanteile haben, dann wirkt sie wärmer. Oder Bauanteile, dann wird der Ton kühler.


Farbseite aus dem RAL Design Atlas

Farben wirken auf verschiedenen Materialien unterschiedlich. Ob Putz, Holz, Metall oder Kunststoff: durch unterschiedliche Lichtbrechung wirkt ein und dieselbe Farbe auf unterschiedlichen Untergründen anders. Die Felder in einem Farbfächer sind recht klein, so kann man sich die Wirkung der ausgewählten Farbe auf großen Flächen wie einer Hausfassade schlecht vorstellen. Hinzu kommt, dass die Farbe in Farbfächern auf reflektierendem Papier gedruckt wird. Auf z.B. Putz wirkt sie später anders.

Das natürliche Tageslicht ist ein Faktor, der bei Gebäudefarben, ob innen oder außen, eine entscheidende Rolle spielt. Ein Farbton wirkt im Schatten anders als in der vollen Sonne. Je nach Tageszeit oder Jahreszeit, je nach Himmelsrichtung verändert sich die Wirkung einer Farbe. Dieses Bild zeigt diesen Effekt recht deutlich.


Der Einfluss von Sonnenlicht auf die Fassadenfarbe

Die Fotografen können ein Lied von folgendem Phänomen singen: eine Farbe, kann durch die Umgebung beeinflusst werden. Befindet sich in der Nähe der geplanten Bebauung eine stark farbige Fläche kann diese so stark abstrahlen, dass ein eigentlich weiß gestrichenes Haus plötzlich bläulich oder rötlich wirkt.


Sehr dunkle Töne in der Fassade können technische Probleme mit sich bringen. Dunkle Putzoberflächen können sich auf bis zu 80° aufheizen. Mit den thermischen Schwankungen einer Fassade (Aufheizen bei Tag und Abkühlen in der Nacht) gehen Dehn- und Schrumpfbewegungen einher. So können Risse im Putz und bei den Anschlussfugen an andere Bauteile (Fensterrahmen, Dachbauteile) entstehen.

Leider haben Sie als Bauherr nicht immer freie Hand bei der Auswahl der Fassadenfarbe. In manchen Bebauungsplänen oder Gestaltungssatzungen regeln die Gemeinden den Hellbezugswert für Fassadenfarben.

"Der sogenannte Hellbezugswert (HBW) misst die Helligkeit eines Farbtons und gibt an, welche Energiemenge im Bereich des sichtbaren Lichts von der Fassade reflektiert wird: Der Wert für Schwarz entspricht 0, der für Weiß 100."

Quelle: https://www.caparol.de/service/technik/hellbezugswert.html

Steht ein Objekt unter Denkmalschutz, so ist die Farbe ebenfalls mit der Behörde abzustimmen.


Farben können auf unsere Stimmung einwirken, und jeder empfindet sie anders. Manche meiner Bauherren finden Grau zeitlos und beruhigend. Für Daniela und Benedikt habe ich eine Aufstockung geplant, bei welcher der Bestand in ein warmes, dunkleres Grau getaucht wurde, und der neue aufgestockte Gebäudeteil in weiß: wie Milchschaum auf einem Cappuccino. Das wäre für meinen Bauherrn Markus viel zu langweilig, er steht auf Gelb!


Damit es mit der Hausfarbe gelingt, habe ich für die Auswahl des richtigen Farbtons einen Tipp für Sie:


Bitten Sie Ihren Maler um ein Farbmuster. Im Idealfall ist es sogar tragbar, so dass Sie das Muster an den verschiedenen Fassadenseiten und somit unter verschiedenen Lichtverhältnissen anschauen können. Auf diese Weise können Sie die verschiedenen angesprochenen Hindernisse überwinden.




Schöne Grüße, Karolina Kulik, Architektin